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Archäologische Sensation im Ermland

Spätmittelalterliche Ansiedlung Alt-Wartenburg in der Nähe von Allenstein ausgegraben

(Olsztyn / Allenstein) - Eine archäologische Sensation im ermländischen Teil Polens stößt auch bei uns auf lebhaftes Interesse: Im Rahmen einer Sonderausstellung zeigt nun das Kulturhistorische Museum Magdeburg die Entwicklung und Faszination des Lebens in der im Jahr 1325 gegründeten Ansiedlung Alt-Wartenburg in unmittelbarer Nähe des heutigen Barczewko bei Olsztyn (Allenstein). Sechs Jahre lang, von 2014 bis 2019, hatten Archäologen an der Ausgrabung des Ortes gearbeitet und eine Fülle an überraschend gut erhaltenen Funden geborgen.

Die Kleinstadt wurde nur 29 Jahre nach ihrer Gründung bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Orden und dem Großfürstentum Litauen im Jahr 1354 bis auf seine Grundmauern zerstört. Wie durch ein Wunder erhaltene Ausgrabungsfunde zeugen von der hohen Kultur der Bewohner. Aber auch Armbrustbolzen, Pfeilspitzen und von Trümmern begrabene Gebeine zu Tode gekommener Menschen berichten vom Untergang des Städtchens. Bis zu ihrer jetzt erst erfolgten Ausgrabung durch Wissenschaftler der Universitäten Danzig/Gdańsk und Greifswald lagen die Überreste der spätmittelalterlichen Ansiedlung unberührt in der Erde.

Was zu ihrer Zeit für die meisten der rund 150 Menschen Bewohner Alt-Wartenburgs den Tod bedeutete, das erweist sich heute als Glücksfall für Archäologen und Historiker. Die Kriegswalze von Ordenrittern und Litauern hatte vieles von dem, was für die Existenz der Menschen in dieser Ansiedlung damals von Bedeutung war, bis jetzt verschüttet. Die Wissenschaftler fanden im Grunde alles, was damals zum Leben der Bewohner Alt-Wartenburgs gehörte: Küchenutensilien wie ein großer Buntmetallkessel, der zum Kochen oder auch Bierbrauen genutzt werden konnte, landwirtschaftliche Geräte wie ein Pflug mit Schar, Münzen und Schmuck. Keramik einheimischer Tradition zeigt die Verbindung der Stadtbewohner im ländlichen, noch prußisch geprägten Umfeld hin. Einige der jetzt in Magdeburg ausgestellten Exponate aus Alt-Wartenburg wurden erst im August dieses Jahres gefunden.

Die Bewohner des Städtchens hatten Mitte des 14. Jahrhunderts noch in einer überraschend gut entwickelten Infrastruktur gelebt: Der Ort verfügte über einen Marktplatz im Zentrum mit einem Kaufhaus, regelmäßige Straßen, eine Wallbefestigung, eine Kirche mit Friedhof, ein Badehaus und etwa zwei Dutzend Bürgerhäuser.

Der an der TU Berlin lehrende Kunsthistoriker Prof. Christofer Herrmann hatte die Ausgrabungen begleitet. Er teilt sich die Leitung des Projekts mit PD Dr. Felix Biermann (Greifswald) und Dr. Arkadiusz Koperkiewicz (Universität Danzig). Der Wissenschaftler Herrmann, der in der Nähe der Ausgrabungsstätte lebt, hatte am 7. November 2019 in Magdeburg im Rahmen eines Vortrags über die Ausgrabungsarbeiten erläutert: „Dadurch, dass die Stadt bei dem Angriff niedergebrannt, aber nicht geplündert und später auch nicht überbaut wurde, war ein Einblick in die Entwicklung einer jungen Stadt möglich.“

Die Sonderausstellung „Faszination Stadt - Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht“ wird vom 1.9.2019 bis zum 2.2.2020 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg gezeigt. (cg)


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