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Wer war "Ornhorst" aus Pillkallen?

In der russischen Exklave rund um das ehemalige Königsberg, der heutigen Oblast Kaliningrad, wächst seit einigen Jahren das Interesse an ihrer deutschen Vergangenheit. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs werden die Spuren der deutschen Geschichte des nur etwa 15.000 Quadratkilometer großen Gebietes an der Ostsee nicht mehr mutwillig zerstört oder bestenfalls verschwiegen, sondern mit Sorgfalt geborgen, gesichert und der Nachwelt erhalten.

Da verwundert es nicht, wenn auch kleinste Funde der Geschichtsforscher auch aus der jüngeren deutschen Vergangenheit gerne als Belege für die kulturellen Wurzeln dieses inzwischen zur Russischen Föderation gehörenden Gebietes zwischen Polen und Litauen geachtet und gesichert werden.

So erging es einem Telegramm eines in der Zeit zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert in Pillkallen (heute Dobrowolsk) für das Kleinstädtchen mutmaßlich wichtigen Zeitgenossen. Denn dieser unterschrieb ein bis zum heutigen Tag bewahrtes Telegramm an die Gäste einer Pillkaller Grundsteinlegung mit seinem Nachnamen „Ornhorst“. Der Inhalt seines Schreibens lautete schlicht: „Leider verhindert, der Grundsteinlegung beizuwohnen. Bin aber in Gedanken rege dabei. Dem Bauverein wünsche ich Glück und Gedeihen.“ Und dieses Telegramm fand sich zusammen mit einigen Beigaben - ein paar Münzen, einem Bauplan, einigen Tageszeitungen vom 26. April 1903 und zwei kleinen Broschüren über Pillkallen – in einer verlöteten Zinnkapsel unter dem Grundstein eines Hauses, dessen Bau an jenem Apriltag des Jahres 1903 mit der seit Jahrhunderten üblichen Zeremonie einer Grundsteinlegung begann. Vor wenigen Wochen erst wurde das Haus abgerissen, die Zeitkapsel unter dem Grundstein geborgen, und die Medien in der kulturhistorisch über viele Jahre fast schon verkümmerten Kaliningrader Oblast berichteten darüber. Seither fragen sich viele Menschen in und um Dobrowolsk, wer wohl dieser Mensch mit dem Namen Ornhorst war, und was diesen mit der Geschichte ihres Städtchens verbindet.

Ludmila Litwinowa ist die Leiterin des Heimatmuseums in der nahen Kreisstadt Krasnosnamensk, der "Rotbannerstadt". Früher hieß diese Stadt Lasdehnen bzw. für wenige braune Jahre Haselberg. Frau Litwinowa erzählt voller Stolz von einem weiteren Dokument, das diese Zeitkapsel immerhin mehr als 115 Jahre lang sicher barg: „Man fand in dem zylinderförmigen Metallbehälter unter anderem eine Handschrift, vermutlich eine Botschaft, wie man sie früher bei Grundsteinlegungen einzumauern pflegte“, und sie berichtet weiter: „Der Text enthält wahrscheinlich einen Bauplan, die Namen der Bauherren und von Personen, die sich eventuell an der Finanzierung beteiligt hatten. Der Text ist mit schwarzer Tinte und in Frakturschrift geschrieben und endet mit mehreren Unterschriften, vermutlich von den Personen, welche den Bau mitfinanziert hatten.“

Besucher des Städtchens Krasnosnamensk können bei einem Besuch des Heimatmuseums nun auch diesen Teil des Fundes besichtigen. Und vielleicht gibt es jemanden unter ihnen, der Frau Litwinowa darüber aufklären kann, wer der in Pillkallen wichtige „Ornhorst“ war, dessen Spuren immerhin per Zeitkapsel mehr als ein Jahrhundert bis in eine Vitrine des russischen Heimatmuseums von Krasnosnamensk reichen. (cg)