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Mennoniten

Zeitweise brutal verfolgte Minderheit

Mennoniten in Ost- und Westpreußen
Mennoniten in Ost- und Westpreußen Bethaus (Kirche) der Mennoniten in Königsberg - Aufnahme aus dem Jahr 1899

Die Ursprünge des Mennonitentums reichen zurück bis in die Reformationszeit. Es handelt sich um eine ethnisch wie auch theologisch vielschichtige Bewegung. Täuferische Gruppierungen entstanden vor allem in der Schweiz, in Österreich, in Süddeutschland und im Rheinland sowie in den Niederlanden, und im Laufe der Zeit splitterten sich die Gruppierungen aufgrund theologischer Streitpunkte immer weiter auf. Gleichzeitig wurden die Täufer sowohl von der Obrigkeit als auch von Seiten der etablierten Kirchen immer wieder brutal verfolgt. Im 16. und im 17. Jahrhundert sind zahlreiche Verfolgungswellen im gesamten Verbreitungsgebiet dokumentiert. In der Regel wurden sie vor die Alternative gestellt, ihrem Glauben (und hier speziell die Verwerfung der Kindertaufe, Verwerfung des Eides, Ablehnung des Wehrdienstes) abzuschwören oder das Land zu verlassen. Ansonsten drohte ihnen die Todesstrafe. Um ihrem Glauben treu zu bleiben, begaben sich viele auf die Flucht, einige gingen in den Untergrund.

So ist für die Täufer von Anfang an einerseits ein hohes Maß an geistlichem Beharrungsvermögen kennzeichnend, andererseits ein hoher Grad an Mobilität.

Besonders aus dem politischen und religiösen Unruheherd der Niederlande (heutige Niederlande und Belgien), aber wohl auch aus angrenzenden Gebieten Nord- und Westdeutschlands, strömten - ebenfalls seit den 1530er Jahren - unzählige täuferische Flüchtlinge nach Danzig und Elbing, sowie in das Weichseldelta, bald darauf auch in das untere Weichseltal. Hier konnten sie ihren Glauben - wenn auch bei Einschränkung ihrer bürgerlichen Rechte - relativ frei ausüben. Im Königreich Polen, zu dem der Weichselraum damals gehörte, hielt der König und mit ihm zwangsläufig auch die Landbevölkerung, streng am katholischen Glauben fest; der polnische Adel aber, dem größtenteils das Land gehörte, war zumeist reformierten Bekenntnisses und unterstützte die für die Kultivierung des Landes sehr nützlichen deutschen und holländischen Mennoniten. Die Bevölkerung der Städte Danzig und Elbing dagegen war evangelisch dominiert. Auch hier wurden die Mennoniten hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen toleriert.

Zur Geschichte der Mennoniten in Ostpreußen

Im späteren Ostpreußen, dem Herzogtum Preußen, hatten sich ebenfalls bereits im 16. Jahrhundert Mennoniten niedergelassen, v.a. im Amt Preuß. Holland und auch in Königsberg. Über ihre Zahl, ihre Herkunft und über mögliche Gemeindebildungen finden sich leider keinerlei Belege. Aber etliche Ausweisungsverfügungen preußischer Behörden belegen ihre Existenz.

Ansiedlung der Mennoniten nach der Großen Pest

Sendboten des Preußenkönigs versuchten auch Mennoniten aus Polen (dem späteren Westpreußen) zur Ansiedlung in Preußisch Litauen zu gewinnen. Im Jahre 1713, eventuell auch schon früher, kamen die ersten mennonitischen Siedler aus dem polnischen Westpreußen in der Tilsiter Niederung an. Weitere Mennonitenfamilien werden auf den drei Vorwerken und Vorwerksdörfern in der linken Memelniederung angesiedelt. Im Vertrag werden ihnen weitgehende Rechte zugestanden: Freie Religionsausübung, Freiheit von jeder Werbung und Einquartierung sowie anderer Wehrlasten für sich, ihre Nachkömmlinge und ihr Gesinde. Es wird ihnen zugestanden, eine Mühle zu bauen und zu betreiben, in ihren Gewässern zu fischen, Braunbier zu brauen, bis zu drei Bienenstöcke ohne Zins zu haben sowie eine Fähre zu betreiben. Dieser Kontrakt wurde mit 42 Pächtern auf 30 Jahre geschlossen. 1714 wird ein weiterer Kontrakt mit mennonitischen Familien aus „Polnisch Preußen“ zur Übernahme des Vorwerks Calwen geschlossen. Es entfaltete sich ein lebendiges Gemeindeleben, bis Soldaten mennonitische Männer zum Militär pressen wollten.

Die Vertreibung 1724

Bei zwei Aktionen im Jahr 1723 wurden 16 junge Männer gewaltsam vom Militär mitgenommen, um sie der Sondereinheit der „Langen Kerls“ zuzuführen. Die Männer blieben trotz harter Strafen ihren Glaubensgrundsätzen treu.
Aufgrund der Proteste von verschiedenen Seiten wurden sie zwar nach und nach freigelassen, die Mennoniten waren sich aber ihrer zugesicherten Rechte nun nicht mehr sicher. Sie kündigten daher dem König ihre Pachtverträge für den Fall, dass diese Rechte nicht eingehalten würden. Friedrich Wilhelm I. zögerte nun nicht lange: eine solche „Schelmennation“, die nicht Soldat werden wollte, könne er nicht dulden. Die Mennoniten wurden aufgefordert, das Land zu verlassen. Die meisten ausgewiesenen Familien zogen ins Große und Kleine Werder, nach Schönsee und andere Orte. Zur Neuansiedlung erhielten sie zahlreiche finanzielle Hilfszusagen aus den Niederlanden und auch von den Gemeinden in Hamburg und Danzig.

Dannenberg 1726/27

Wohl im Herbst/ Winter 1726/27 bot sich 40 mittelosen Familien die Gelegenheit, sich wieder in Ostpreußen niederzulassen – als Pächter auf den Rautenburgischen Gütern, unter dem Schutz des Grafen Truchsess zu Waldburg (bei Seckenburg im ostpreußischen Kreis Niederung).

Ausweisung 1732

Völlig unvorbereitet traf sie dann aber 1732 der Ausweisungsbefehl - wohl weil nun zahlreiche protestantische Salzburger in Ostpreußen angesiedelt wurden. Etwa die Hälfte der 47 Familien zog ins Holländische, nach Wageningen und Walcheren. Aber auch hier konnten die meisten nicht sesshaft werden, sondern zogen nach und nach wieder ins polnische Westpreußen.

Ansiedlung im Amt Friedrichsgraben 1741

Nach der Regierungsübernahme durch Friedrich II. im Jahr 1740 änderte sich die Politik gegenüber den Mennoniten. Sie wurden erneut ins Land eingeladen und pachteten Ländereien im Amt Friedrichsgraben. Am 21. November 1741 wurde daraufhin ein Pachtvertrag für die Vorwerke Seckenburg, Ginkelsmittel und Polenzhof mit 32 Pächtern unterzeichnet. Der Vertrag sicherte den Mennoniten weitgehende Rechte zu - wie bereits bei der ersten Ansiedlung 1713.
Jedoch führten mehrere Missernten dazu, dass sie diese Ländereien im Jahr 1747 aufgeben mussten. Sie wurden an anderer Stelle nun angesetzt. Im Jahr 1758 übernahmen 12 mennonitische Familien das Gut Plauschwarren, das beim Russeneinfall zerstört worden war.

Im Laufe der Jahrzehnte breitete sich die Gemeinde weiter aus. Da die Möglichkeit für Mennoniten, eigenes Land in Preußen zu erwerben, stark eingeschränkt war, suchte man nach neuen Siedlungsgebieten. Deshalb wurde das Angebot der russischen Zarin, in Süd-Russland im Gebiet von Chortitza zu siedeln, von vielen Familien in Preußen dankbar aufgenommen. Etwa 40 Familien folgten der Einladung und zogen nach Russland.

Wachstum, aber auch Probleme in der Gemeinde

Trotz dieser Abwanderungen dehnte sich die Gemeinde schnell in der ganzen Memelniederung aus; zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand man Gemeindeglieder bis nach Ragnit und Wehlau.

Starke Spannungen verursachte die freiwillige Teilnahme einzelner Gemeindemitglieder an den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Die Gemeinde hatte sich an der Geldsammlung zur Unterstützung des preußischen Königs beteiligt. Einzelne Gemeindemitglieder jedoch hatten sogar freiwillig Waffendienst geleistet, sei es aus Überzeugung, dass man sich nicht nur freikaufen dürfe, sei es aus eindeutigem Kalkül, damit auch Grundbesitz erwerben zu können. Diese Männer wurden mit ihren Familien von der Gemeinde konsequenterweise ausgeschlossen.

Die Etablierung der Gemeinde hatte jedoch offensichtlich auch ihre Kehrseite. Es tauchten interne Spannungen auf. Diese Probleme innerhalb der Gemeinde bzw. Streitigkeiten unter Gemeindegliedern führten dann auch zum Verlust von Mitgliedern.

Offensichtlich folgt nun eine ruhigere Phase in der Gemeinde. So steigt die Zahl der Gemeindeglieder bis 1869 kontinuierlich. In dieser Zeit wird die Größe der Gemeinde mit insgesamt 774 Seelen angegeben, davon sind 519 getauft. Inzwischen hat sich die Zusammensetzung der ehemals fast rein bäuerlich geprägten Gemeinde differenziert.

Die Gemeinde im 20. Jahrhundert

Mit der Gesetzgebung von 1869 war das mennonitische Privileg der Befreiung vom Waffendienst aufgehoben worden.

Am 1.12.1910 hatte die Gemeinde nach der Aufstellung des Schriftführers Heinrich Ewert 600 Seelen in 130 Haushaltungen. Über die Geschichte der letzten Jahrzehnte bis zur Flucht liegen keine Zeugnisse vor. Die Mennoniten waren rund 200 Jahre zuvor in Ostpreußen angekommen und teilten nun das Los der Vertreibung mit ihren Landsleuten. Mit der Flucht aus Ostpreußen endete die Geschichte dieser Gemeinde.

Königsberg

Als mennonitische Siedler in der Memelniederung angesetzt wurden, konnten sich Mennoniten auch offiziell in Königsberg niederlassen. Sie stammten größtenteils als Danzig. Als Gewerbetreibende stellten sie Branntwein her oder waren in anderen Gewerken tätig. Die Mennonitengemeinde in Königsberg war klein. Zu Zeiten Friedrich II. hatte sie 35 Familien.

Im Gegensatz zu den Mennoniten in der Memelniederung wurden sie 1724 nicht ausgewiesen, diese bezog sich nur auf Mennoniten auf dem „platten Land“. Jedoch sollten sie bei der zweiten Ausweisung 1732 auch das Land verlassen. Einige Familien hatten dem Ausweisungsbefehl bereits Folge geleistet, als der König dies für die Mennoniten in Königsberg wieder rückgängig machte. Dazu bewog ihn der Stadtrat von Königsberg, der von schwerwiegenden wirtschaftlichen Schäden in Folge des Abzugs der Mennoniten berichtete. Auch brannten die Mennoniten den besten Branntwein und gaben etlichen Familien Arbeit und zahlten kräftig Steuern.

Bibliographie (Auszug):

Wilhelm Mannhardt: Die Wehrfreiheit der altpreußischen Mennoniten;
Art. Lithuania, Mennonitisches Lexikon/ GAMEO;
Horst Penner: Die ost- und westpreußischen Mennoniten, Band I;
H. Penner, Art. East Prussia in GAMEO;
Wilhelm Crichton: Zur Geschichte der Mennoniten;
Erwin Wittenberg und Manuel Janz, Geschichte der mennonitischen Siedler in Preußischen Litauen, in: Mennonitische Geschichtsblätter 74, 2017, S. 73-97.

Wir danken für diesen grundlegenden und wichtigen Text Erwin Wittenberg, der diesen für uns auf der Grundlage eines gemeinsam mit Manuel Janz verfassten Werks formuliert hat. Der Verfasser weist darauf hin, dass dieser Text den Schwerpunkt auf Geschichte und Leben der Mennoniten im ehemaligen Ostpreußen (einschließlich Königsberg, einem Schwerpunkt der Abhandlung) legt. Denenigen, die der
Geschichte der in Westpreußen ansässigen Mennoniten nachspüren, deren Geschichte sich von der in Ostpreußen ansässigen Mennoniten in wichtigen Aspekten unterscheidet, mögen hier hilfreiche Hinweise finden.

Weitere Links zur Geschichte und Bedeutung der Mennoniten in Ost- und Westpreußen:
http://www.mennonitegenealogy.com/prussia/

Die Kirchenbücher der mennonitischen Gemeinden Danzig, Elbing-Ellerwald, Fürstenwerder, Heubuden, Ladekopp, Lemberg, Montau, Neuwied, Orlofferfelde, Petershagen, Rosenort, Schönsee, Thiensdorf-Markushof, Tiegenhagen, Tragheimerweide, Weierhof, Zweibrücken und einige westpreußische Gemeinden findet man bei Archion.

Wer im Rahmen eigener familiengeschichtlicher Recherchen auf 'Mennoniten' stößt, findet im Ahnen-Navi von Dieter Sommerfeld unter viewforum.php?f=122 inzwischen 27 weiterführende Hinweise.
Vor allem auf der 'Chortiza-Internetseite' [ https://chort.square7.ch/ ] von Willi Vogt findet sich eine Fülle und Vielfalt wertvoller Detail-Informationen.

- http://www.mennlex.de/doku.php?id=loc:westpreussen
- http://www.mennlex.de/doku.php?id=loc:ostpreussen

Was sind eigentlich Mennoniten? Ein informativer Text von Günter Mauter auf einer interessanten Website. Der Verfasser des Textes 'Was sind eigentlich Mennoniten ?' ist am 31. Januar 2012 in Elmshorn im Alter von 73 Jahren verstorben.
Die Mennoniten-Quellensammlung von Adalbert Goertz - Eine schier unerschöpfliche Quelle für Familienfoscher!

Zur Geschichte der Mennonitengemeinden in West- und Ostpreußen bis 1945 hat der "Mennonitische Arbeitskreis Polen" eine informative Website eingerichtet.