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Bücher - Aufsätze - Manuskripte
Bücher - Aufsätze - Manuskripte bilden ein Herzstück unserer Arbeit

Hier entsteht eine Sammlung von zum Teil längst vergessenen Dokumenten über Ost- und Westpreußen, von denen die meisten nur noch in wenigen Bibliothen vorhanden sind. Hier kannst du sie online lesen und - wenn du sie dauerhaft haben möchtest - gerne auch zum eigenen Gebrauch downloaden. Doch nicht nur antiquarische Bücher, auch Film- und Tondokumente, Aufsätze und Manuskripte von familienkundlicher Bedeutung über Ost- und Westpreußen findest du hier.

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Fotografen vor dem Berliner Stadtschloss im Jahr 1
Fotografen vor dem Berliner Stadtschloss im Jahr 1

- (Doku in HD) Die große Flucht (1/5) Der große Treck - Ein Fünfteiler unter Leitung des (TV-)Historikers Guido Knopp über die Geschichte von Millionen Deutschen, die am Ende des Krieges vor der heranrückenden Roten Armee unter schlimmsten Bedingungen fliehen mussten oder vertrieben wurden. Mehr als 1000 Zeit- und Augenzeugen wurden interviewt – auch Russen, Polen und Tschechen. Recherchen in den ehemaligen Ostblockländern und die Einsicht in bislang verschlossene Archive haben diese Doku-Reihe begeleitet, mit der ein Zeichen gegen das Vergessen und jede Vertreibung gesetzt wird.

-https://www.youtube.com/watch?v=yII1V8uSJPE&feature=youtu.be

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Bericht des Peter Dyck

Gemälde von A. Gros
Gemälde von A. Gros Napoléon auf dem Schlachtfeld von Preußisch-Eylau (Wikipedia)

Peter Dyck ist der Sohn eines gleichnamigen Kaufmanns aus der Stadt Pr. Eylau. Er wurde um 1798 geboren. Im Alter von 9 Jahren erlebt er die Auswirkungen der legendären Schlacht von Pr. Eylau hautnah mit und schreibt seine Eindrücke und Erlebnisse schon als Schulkind nieder. Viele Jahre später bittet ihn der damalige Eylauer Pastor Gottlieb Emanuel Gäsbeck, seine Erlebnisse für die Kirchenchronik aufzuschreiben. Lehrer Frey aus Pr. Eylau ergänzt den Text 1892 an einigen Stellen und lässt ihn veröffentlichen. Der Bericht erscheint 1893 in Königsberg in den Sitzungsberichten der Altertumsgesellschaft Prussia (Heft 18, Seite 61 bis 75).

Irmi Gegner-Sünkler: "Dieser Bericht unterscheidet sich von allem, was ich bisher über die damaligen Zustände in und um Pr. Eylau gelesen habe. Peter Dyck berichtet vorrangig von den widrigen Lebensumständen der Stadtbewohner und nennt auch deren Namen."

Hier einige Auszüge:

‚Mittwoch den 1. Februar 1807 war ich vormittags gleich andern Kindern in der Stadtschule beim Herrn Rektor Passarge, als vom Markt die Nachricht kam, es würden russische Wagen in die Stadt kommen; ein paar Jungen liefen hinaus und erzählten, von den Warschkeiter Bergen käme zwar etwas angezogen, doch möchten es Bauern sein; der Herr Rektor Passarge schloß aber gleich die Schule und ließ uns nach Hause gehen, damit die Kleinen nicht ins Gedränge kämen. …

Sonnabend den 7. Februar 1807 zogen noch immer Russen durch; die benachbarten Dörfer wurden von ihnen hart mitgenommen, in der Eylauer Mühle geplündert und so toll gewirtschaftet, daß sich die Müller Mey’sche ganze Familie zu uns über den gefrorenen Mühlenteich flüchtete, unterwegs nahmen die Soldaten den Frauenzimmern Mäntel und Tücher ab, so den schönen, seidenen Pelzmantel der Mey’schen Tochter, später vehelichte Brockmann, zuletzt Brosien….

Der Vater und sein Gesell Cholewius (er starb als Kaufmann in Berlin) sahen von dem Gehöft noch eine Weile zu. …. Unten auf dem Mühlenbruch im Rohr tiraillierten Franzosen und Russen; es dauerte nicht lange, so schlug eine Kanonenkugel in des Nachbarn Bewernik (später Ruhdel – jetzt Petzall) Dach und der Vater nebst Cholewius kam in den Keller. …

Die Russen hatten gleich mittags drei Kanonen versteckt; eine in Kantor Baurath’s Krug hinten im Schauer, die zweite im Gang zwischen Brosien und Feierabend; wo die dritte, weiß ich nicht mehr (nach Höpfner in der Landsberger Straße, da, wo früher die „Kaffeemühle“ stand, F.). Die Soldaten sollen zum Teil auf den Heuböden gelegen haben, doch waren zuviel Russen und müssen sie durch Kantor und Krüger Baurath’s Garten herangeschlichen sein. ….

Die Schlacht war beendigt. Montag den 9. Februar räumte Herr Riebensahm uns, der Accise-Einnehmer Valentinischen Familie (Eltern des jetzigen Gutsbesitzers von Schloß Eylau) der Kondukteur Sonntagschen Familie (dessen Wohnhaus – jetzt Gerichtshaus – der Kaiser Napoleon bezog) und anderen Freunden die obere Hinterstube ein, wo wir überhaupt 11 Tage bleiben und sehr hungern mußten.

Der Vater ging in die Stadt. Sein Haus war ohne Thür und Fenster. In einer Ladenstube standen Pferde, die Wohnstube lag voll hungriger Verwundeter, die Straßen voll toter Menschen, Pferde und zerbrochener Wagen; die Soldaten suchten Lebensmittel; die Einwohner waren selten zu sehen. Da traf er die Nähterin Dorotheaa Pfuchner, die früher als Kindermädchen bei uns gedient hatte, der er seine Not klagte, und sie sagte: „Ich habe noch ein bißchen Sauerkumst (Kohl) den sie Soldaten nicht gefunden haben, nehmen Sie ihn für ihrer Kinder!“ Der Vater brachte uns ein Schnupftuch voll, den wir auch gleich roh verzehrten, und weil wir Wasser dazu tranken, bekamen wir auch glaich den Durchfall. ….

In den Dörfern war es wie in Eylau. Im Jesau’schen Krug schuten die Pferde aus den Fenstern; die Fenster waren zerbrochen. Von dem eigentlichen Gang der Schlacht weiß ich wenig zu sagen, indem ich noch zu jung war, und wenn ich auch manches gehört habe, so sind die darüber herausgegebenen Schriften doch wohl genauer.

An toten Menschen sollen 30.000 Mann begraben sein, welches auch möglich ist, indem die meisten Verwundeten vor Mangel und Kälte umkamen. Viele schleppten sich vom Felde in die Stadt, waren aber dadurch nicht gebessert. Von hiesigen Einwohnern wurden getötet: Schuster Karnap von den Franzosen am Schloßwall erstochen. Ein Reisender zufällig in Feyerabends Krug im Kellerschaff von einer Flintenkugel erschossen. In Brauns Insthaus eine Instfrau durch eine Kanonenkugel. Auf dem Drummendamm wurden einem Knaben von einer Kanonenkugel beide Beine zerschmettert. Meine Mutter ist verwundet. Im ganzen wenig Unglücksfälle.

Im Kirchenbuch der Stadt Pr. Eylau sind im Jahre 1807 insgesamt 605 Todesfälle verzeichnet. Auch in den Kirchenbüchern der umliegenden Orte sind – vor allem in den Monaten nach der Schlacht – unendlich viele Bewohner an den Folgen des Krieges, an Hunger und an epidemischen Krankheiten – z.B. an der Ruhr – verstorben. Die Pfarrer waren teilweise nicht in der Lage, sämtliche Todesfälle im Kirchenbuch zu vermerken – wie Pfarrer Schiemann in Eichhorn, der 1807 notiert: „Weil die von denen Schultzen eingereichten Listen sehr unvollständig waren, so ist die vollständige Eintragung in das Register auch nicht möglich gewesen.„

Für diejenigen, die gern den gesamten Bericht lesen möchten – hier kann er ‚downgeloadet‘ werden: Ein Kaufmannssohn aus Preußisch Eylau erzählt [2.487 KB] (1807)

Wir bedanken uns für diesen spannenden Text bei Irmi Gegner-Sünkler, deren Genealogie-Tagebuch wir allen an Geschichte und Geschichten aus dem ehemaligen Ost- und Westpreußen Interessierten zur Lektüre empfehlen.