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Flüchtlings-Museum Oksbøl wurde jetzt eröffnet

Der Beitrag des Deutschlandfunk (s. linke Spalte) erzählt von dem neu eröffneten FLUGT - Refugee Museum of Denmark in Oksbøl und wirft auch ein Licht auf das Lagerleben deutscher Heimatvertriebener, die 1945 vor der anrückenden Roten Armee in das bis wenige Tage vor Kriegsende von der Wehrmacht besetzte Königreich Dänemark geflohen waren.
Darüber hinaus beleuchtet das neue Museum in eindrucksvollen Installationen und vielen kleinen Audio-Geschichten die Schicksale von Menschen aus aller Welt, die ihre Heimat verlassen mussten.

Eine Beschreibung dieses Museums findest du hier:
https://www.visitvesterhavet.de/nordsee/nordseeurlaub/flugt-refugee-museum-denmark-gdk1132017

Erinnerungen an das Lager Oksbøl
© Christian Grusdt

Es gibt Geschichten, die wohl jeden unter uns im Innersten berühren, auch wenn sie Geschehnisse fern von unserer Zeit und Lebenswirklichkeit zum Inhalt haben. So erging es mir, als ich vor wenigen Tagen einen Beitrag im Deutschlandfunk hörte, in dem über die Eröffnung eines Museums zur Geschichte des Flüchtlingslagers im dänischen Oksbøl berichtet wurde. (https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-vergessenen-kinder-von-oksb-l-ein-fluchtmuseum-fuer-daenemark-dlf-kultur-5233853e-100.html)

Oksbøl, das muss man wissen, liegt an der dänischen Westküste in Jütland, in der Nähe des Ferienorts Blåvand. Dort, am Rand dieser heute rund 3000 Einwohner zählenden Gemeinde Oksbøl, wenige Kilometer von der Nordseeküste entfernt, befand sich von 1945 bis 1949 das größte Flüchtlingslager der dänischen Geschichte. Während des Krieges hatten die Deutschen eine Militärbasis in Oksbøl unterhalten. Nach deren Abzug wurden dort etwa 35.000, überwiegend aus Ost- und Westpreußen geflohene, deutsche Vertriebene noch mehrere Jahre nach Kriegsschluss interniert, bis sie in kleinen Gruppen nach und nach von den Alliierten in die deutschen Besatzungszonen reisen durften.

Oksbøl wurde damit zeitweise zur fünftgrößten dänischen Stadt und zum größten Lager für deutsche Flüchtlinge im Königreich. Man schätzt, dass in dem 1945 vier Millionen Einwohner zählenden Land bis zu 250.000 deutsche Flüchtlinge vorübergehend aufgenommen wurden.

Das alte Lager in Oksbøl existiert längst nicht mehr. Das Lager ist bis auf wenige Gebäude verschwunden. Dort, wo früher die Lagerbaracken standen, ist heute dichter Wald. Ein kleiner Friedhof neben dem Parkplatz erinnert noch an das Leben und Sterben der Internierten von Oksbøl. Der Deutschlandfunk (s. o.) berichtete in knappen Worten:

„1796 Personen sind dort begraben, zwischen Laubbäumen und Rhododendronbüschen. 121 waren deutsche Soldaten. Die anderen 1675 waren deutsche Flüchtlinge. In Reihen stehen auf der Rasenfläche Dutzende kniehohe Kreuze zusammen und markieren die Gräber.“

Erschreckend viele Kindergräber finden sich darunter, auch sie zeugen von Not und Elend, mangelhafter Ernährung, unzureichender medizinischer Versorgung, ausgebliebener Hilfe.

Heute wissen wir mehr darüber:
Die in Dänemark vor mehr als 20 Jahren publizierten, umstrittenen Nachforschungen der dänischen Ärztin und Historikerin Kirsten Lylloff gipfeln in dem Vorwurf, die der DLF (s. o.) mit den Worten zusammenfasst: „Letztendlich seien dänische Behörden und Ärzte 1945 für den Tod Tausender deutscher Kinder verantwortlich gewesen. Weil die Deutschen damals als Feind gesehen wurden, hätten sie sich geweigert, den kranken Kindern zu helfen.“


Eine krasse Ansicht, die bis heute nicht allgemein geteilt wird. Denn Not und Entbehrung waren auch damals in Dänemark weit verbreitet, die beengte Unterbringung der Flüchtlinge und schwierige hygienische Bedingungen förderten die Ausbreitung von Krankheiten aller Art, und viele der Flüchtlinge kamen nach einer Odyssee zum Teil auf abenteuerlichen Fluchtwegen, geschwächt und von Krankheit gezeichnet, in Dänemark an. Und doch: Die Hilfe für Flüchtlinge aus dem Land der Feinde, welche noch bis Mai 1945 den Dänen viel Leid angetan hatten, stand weit unten auf der Liste der in dem geschundenen Königreich als vordringlich erachteten Maßnahmen.

Drei Zeichnungen aus dem Lager Oksbøl

Darüber unterhielt ich mich mit einem unserer VFFOW-Mitglieder, der mir berichtete, dass es auch in seiner Familie Menschen gab, die es auf ihrer Flucht aus Ostpreußen zunächst ins dänische Oksbøl verschlagen hatte, bevor sie nach mehrjähriger entbehrungsreicher Internierung endlich im Jahr 1948 nach Deutschland ausreisen durften. Drei Farbstiftzeichnungen, die der Großvater seiner Frau im Lager in Oksbøl gezeichnet hatte – den hatte das Schicksal mit Ehefrau und zwei Schwägerinnen gemeinsam mit 17 fremden Menschen für mehrere Jahre in eine der Baracken von Oksbøl gespült – erinnern die Enkelin noch heute an diesen Teil des Lebens ihrer Großeltern. Diese einzigartigen Zeitzeugnisse hatten seit vielen Jahren schon im Treppenflur des Hauses der Enkelin einen würdigen Ort gefunden.

Er erzählt mir: „Jedes Mal, wenn mein Blick auf diese liebevoll gezeichneten Bilder aus Oksbøl fällt, denke ich an diese beiden Menschen, die ich nicht kennen gelernt habe, aber ich bin meinem Schicksal dankbar, dass es sie gab."


Und er berichtet über die drei kleine Meisterwerke aus schwerer Zeit:
„Der Zeichner, Walter B. aus Königsberg, war Finanzbeamter, geboren 1881 in Heiligenbeil. Mitte April 1945, als Königsberg schon fast von den Russen eingenommen war, gelang ihm die Flucht zusammen mit seiner Frau und zwei Schwägerinnen über Pillau und teils zu Fuß über die Frische Nehrung bis nach Hela, wo die kleine Gruppe mit einem der Flüchtlingsschiffe nach Kopenhagen und von dort über Fredericia nach Oksbøl kam. Wie aus der einen Bildunterschrift zu ersehen ist, waren sie dort im Frühjahr/Frühsommer 1945 eingetroffen. Offenbar war ihm die Möglichkeit zu zeichnen so wichtig, dass er es geschafft hat, die Buntstifte auf der Flucht bei sich zu behalten. Sie lebten in der offenbar nur zum Teil wiedergegebenen Baracke mit 17 Personen, bis sie im November 1947 in eine kleine Kreisstadt nach Nordrhein-Westfalen entlassen wurden. Dort trafen Walter B. und seine "drei Frauen" mit der Familie seines Sohnes zusammen, der den Krieg schwerverletzt überlebt hatte. Seit 1946 hatte Walter B. wenigstens Briefwechsel mit seinem Sohn und anderen Angehörigen. Walter B. ist in dieser Kreisstadt in NRW 1953 gestorben. Ob diese Gruppe später noch Kontakt mit den anderen Flüchtlingen aus dem Lager gehabt hat, wissen wir nicht. Gesprochen wurde über die Fluchterlebnisse und das Lagerleben von Walter B. in der Familie noch sehr häufig, solange der Sohn und die Schwiegertochter lebten, also bis in die 2000er Jahre hinein. Es war ein immer wieder beherrschendes Thema auf Familientreffen.“

(cg)

    • Innenansicht eines Teils der Baracke F10 in Oksbøl

      Innenansicht eines Teils der Baracke F10 in Oksbøl, gezeichnet vermutlich im Winter 1945/46. Man erkennt mehrere Doppelstockbetten, die z. T. mit Laken verhängt, z. T. bewusst hinter einem Schrank halbwegs verborgen sind, man sieht einen großen Tisch und ein kleines Tischchen vor dem Fenster. Wo immer es möglich ist, hängen Kleidungsstücke - ob nach der Wäsche zum Trocknen oder zum Lüften oder weil kein anderer Platz da war, bleibt offen - und man sieht mehrere kleine Vasen mit Tannen- oder Fichtenzweigen und einigen getrockneten Blüten als Versuch, ein bisschen Wohnlichkeit herzustellen. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein nahes Seeufer, in dessen Wasser sich einige entlaubte Bäume spiegeln. Über den Fenstern sind als einziger Wandschmuck zwei einfache Grafiken mit gezeichneten Weihnachtssternen befestigt.

    • Oksbøl-Praeste-See im August 1945

      Der Oksbøl-Praeste-See im August 1945: Die landschaftliche Schönheit dieser Seeseite mag dem Zeichner ein wenig Trost in schwerer Zeit gegeben haben.

    • Die Baracke F10 im Internierungslager Oksbøl

      Die Baracke F10 im Internierungslager Oksbøl. Deutlich zu erkennen sind die Versuche der dort Internierten, mit Hilfe eines kleinen Gärtchens einige Kräuter und ein wenig Gemüse zur Aufbesserung ihrer kargen Kost zu ziehen.

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