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Flucht über die eisige Ostsee von Pillau nach Dänemark - Wie der Frachtdampfer MARS in mehreren Einsätzen 18.700 Flüchtlinge rettete*

Familienforschung ist nicht nur Forschen in Datenbanken und Archiven, sondern oft auch gelebte Erinnerung, die in der Begegnung mit der Geschichte der eigenen Familie wach wird. Ein schöner Beleg dafür sind viele Beiträge in unserer kleinen neuen Facebook-Gruppe des VFFOW.

Dabei gibt es wie überall im Leben nicht nur schöne und erbauende Erinnerungen, sondern auch bedrückende und mitunter schreckliche Ereignisse, die sich auf das Leben vieler unter uns bis auf den heutigen Tag auswirken. Gerade in diesen grauen Februartagen wird wieder vermehrt über die tragischen Ereignisse rund um die Flucht aus Ost- und Westpreußen erinnert. Ein Beispiel dafür ist das grausame Schicksal tausender Flüchtlinge, die mit der Wilhelm Gustloff untergingen und einen grausamen Tod fanden.

Auch auf anderen Schiffen suchten damals ungezählte Menschen den Weg von Pillau über die Ostsee. Ab dem 25. Januar 1945 liefen Schiffe aller Art ein, um Flüchtlinge aufzunehmen: Schlepper, Eisbrecher, Fischdampfer, Minensucher, Torpedoboote, Kreuzfahrtschiffe, Kreuzer und Kohlenfrachter.*An eines der vielen an den Rettungsversuchen beteiligten Seetransportschiffe und die auf ihm unter dramatischen Umständen geretteten oder auch zu Tode gekommenen Menschen - soll nachstehend erinnert werden.

Der Frachtdampfer MARS / Bremen war erst 1939 in Betrieb genommen worden und transportierte bis zu seinem Umbau für die Kriegsmarine 1942 vor allem Früchte aus Spanien nach Deutschland. Zwischen dem 28. Februar und dem 15. April 1945 transportierte das Schiff rund 18.700 Flüchtlinge von Pillau aus über die Ostsee nach Dänemark. Es war das letzte Schiff, dass auf seiner ebenfalls letzten Fahrt aus dem eingekesselten Pillau heraus Ostpreussen verließ und am 13. April 1945 - trotz schwerer Beschädigungen durch ein Bombardement - mit 4000 Flüchtlingen an Bord den Hafen Pillau hinter sich ließ, um nach einer zweitägigen Fahrt den Hafen von Kopenhagen zu erreichen.

Nicht alle Fahrten liefen so vergleichsweise glimpflich ab: Der erste Rettungseinsatz der MARS von Pillau aus startete schon am 28. Februar 1945 und sollte auf direktem Weg nach einem Tag Swinemünde erreichen. Zu den Passagieren auf dieser Fahrt gehörte auch eine junge Frau, die Jahre später ihren Angehörigen über die Umstände ihrer Flucht berichtete:

"Nach tragischen Ereignissen in den Wochen zuvor und nach dem Verlust ihrer Eltern hatte sie sich auf der MARS einen Platz erkämpfen können. Mit rund 3440 Passagieren an Bord, so erzählte sie später, sei der Kapitän auf hoher See jedoch gezwungen gewesen, umzudisponieren. Denn der Hafen von Swinemünde war durch ein schweres Bombardement mit Brandbomben nicht mehr anlaufbar, und auch kein anderer der überfüllten und beschädigten Ostsee-Häfen erlaubten dem Schiff die Einfahrt. Für das völlig überladene Schiff mit seinen 3440 verzweifelten und nur unzureichend mit Proviant und Trinkwasser versorgten Flüchtlingen an Bord begann eine Irrfahrt über die eisige Ostsee. Endlich, nach nach fast zwei Wochen, erhielt der Kapitän am 11. März 1945 die Erlaubnis, Kopenhagen anzulaufen. Viele der Passagiere des Schiffes, vor allem Säuglinge und alte Menschen hatten diese Fahrt nicht überlebt."

Als Reparationsgut zunächst an England und später von dort an die Sowjetunion übergeben, wurde das Schiff mit seinem neuen Namen WITJAS noch viele Jahre als Forschungsschiff eingesetzt, um dann in den 1990iger Jahren seine endgültige Bestimmung als Museumsschiff zu finden. Im Verbund mit anderen interessanten Stationen liegt es heute für Besucher zugänglich am neugestalteten Pregelufer in Kaliningrad. Bei einem Besuch im Jahr 2008 war es noch möglich, auch die Maschinenräume und den untersten Bereich zu begehen, in dem die Passagiere während ihrer Überfahrt nach Dänemark auf Stroh lagerten. Highlight des Museumsschiffes war die sorgsam ausgestattete Kapitänskajüte mit Fotos und Original-Gegenständen aus der Zeit, als der umsichtige Kapitän der MARS zur Rettung tausender Flüchtlinge aus Pillau beigetragen hatte.

*Anmerkung: Diesem Beitrag sind einige Fotos über die MARS aus der Zeit der Rettungsfahrten beigefügt. Die Aufnahmen stammen aus dem Fundus der Familie von Helli Aumann, der wir diesen Beitrag verdanken.* Sie hat auch 2008 die Fotos aus dem Museumsschiff WITJAS (vordem MARS) angefertigt und die heute nicht mehr zugänglichen Aufnahmen aus der Kapitäns-Kajüte dokumentiert.

Weitere Informationen zum Frachtdampfer MARS / Bremen finden sich auf der Seite https://www.world-ocean.ru/en/vityaz/biography-of-the-vessel .

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